Verschlafen
Irgendwann nach dem Ersten Weltkrieg hat sich ein gutstehender Händler, der ein gewisses Kapital sein nennen konnte, entschlossen für seine zwei Töchter, die gerade zu Fräuleins herangewachsen waren, die Möbel des alten Kinderzimmers herauszuschmeißen und ein elegantes Mädchenzimmer einzurichten. Dafür hat er ein neues Schlafzimmer anfertigen lassen. Der Tischler, ein guter Meister seines Faches, nahm gutes Holz. Es wurden schöne Stücke gemacht: Ein großer dreiteiliger Kasten, der im mittleren Teil einen großen geschliffenen Spiegel hatte, ein Doppelbett für angenehme Träume der Mädchen, zwei Nachtkästchen, dazu kam ein Toilettentisch mit einem ovalen Spiegel und einem Sessel, dann ein runder Tisch mit zwei Stühlen. Alles in blaugrau lackiertem Holz mit geschnitzten Rosenranken und mit Gold betupft.
Das Zimmer war sehr schön, die Mädchen überglücklich und der Vater stolz. Die Jahre gingen vorüber, die Mädchen wurden Frauen, heirateten und übersiedelten ins eigene Heim. Das Mädchenzimmer blieb wartend auf neue Benützer.
Im Zweiten Weltkrieg haben Bomben das Haus schwer beschädigt. Nur das Zimmer hat geleuchtet mit seinen Farben zwischen den Trümern des Hauses. Fremde Leute sind gekommen, haben Teile des Zimmers genommen. Dann, nach längerer Zeit, sind Altwarenhändler durch die Stadt gegangen und haben auf ihren Karren entsorgte Möbelstücke gesammelt und auf dem Markt angeboten.
Eine von den zwei Töchtern, die den Krieg überlebt hat, wohnte noch in der Stadt und so sah sie eines Tages wie ihr blaugraues Schlafzimmer in Teilen, traurig, heruntergekommen, dennoch edel, zum Verkauf angeboten steht. Mit Trennen in den Augen streichelte sie die übrig gebliebene Einrichtung, verabschiedete sich in Gedanken von ihnen und ging weiter ohne sich umzudrehen.